Salutogenese
"Was macht Menschen krank?" Diese Frage beschäftigt vor allen Dingen die medizinische Wissenschaft. Es wird versucht, die Entstehungsweise von Krankheiten zu verstehen und sie zu beeinflussen. Auch Psychologen beschäftigen sich traditionell eher aus dieser Perspektive mit krankmachenden Einflüssen, wie z.B. Stress. Was unsere jüngste Vergangenheit angeht, hat die Umkehrung der Frage für eine Erweiterung der Blickrichtung gesorgt.
Bereits in der Antike hat man sich mit der Frage beschäftigt, wie man Krankheiten vermeiden oder gar Gesundheit fördern kann. Schon Hippokrates (460-377 v. Chr.) hat erkannt, dass der Mensch seine Gesundheit nur dann erhalten kann, wenn er "in Einklang mit der Weltordnung" lebt. Den Menschen seien diese Gesetzmäßigkeiten nur meistens nicht bekannt, so dass sie gegen diese Lebensordnung verstoßen und krank werden. Auch Galen (129-199 v. Chr.) hat die besondere Bedeutung der Krankheitsverhütung und Gesundheitsförderung bereits betont: "Da der Zeit wie der Wertschätzung nach die Gesundheit vor der Krankheit kommt, müssen auch wir doch wohl zuerst darauf schauen, wie man sie bewahren kann und erst in zweiter Linie, wie man die Krankheit am besten ausheilen kann."
"Was erhält den Menschen gesund?". So lautet die zentrale Frage, auf die ein Forscher zufällig gestoßen ist. Aufgefallen war ihm, dass bei Frauen, die während des Nationalsozialismus stark traumatisiert worden waren (Gefangenschaft in Konzentrationslagern), einige Frauen gesundheitlich weniger beeinträchtigt waren als andere. Aus der klassischen Perspektive heraus ("Was macht krank?") hätte man sich mit der Gruppe der psychisch und körperlich stark beeinträchtigten Frauen beschäftigt. Antonovsky hat aber versucht, aus der Untersuchung der gesundheitlich weniger beeinträchtigten Frauen Gründe zu finden, die bei ihnen dazu geführt haben, dass sie mit sogenannten Stessoren besser umgehen konnten. Antonovsky definiert Stressoren als Anforderungen, mit denen der Mensch sich auseinander setzen muss.
Er wollte zudem überprüfen, ob diese Gründe auch für andere Menschen gelten. Entscheidend dafür ist, dass man Stressoren Widerstandsressourcen entgegen setzen kann. Jeder kennt das Phänomen, dass nicht alle Menschen, die den gleichen Krankheitserregern ausgesetzt sind, auch erkranken. Bei einer Erkältungswelle zum Beispiel stecken sich einige Menschen an, andere bleiben gesund. Erklären würde man das z.B. mit besseren Abwehrkräften, die eine Ansteckung verhindern. Wie aber kommt es dazu, dass einige Menschen über bessere bzw. schwächere Abwehrkräfte verfügen? Das Konzept, das versucht zu erklären, wie Gesundheit und auch Krankheit entsteht, wird das "Modell der Salutogenese" (der Gesundheitsentstehung) genannt.
Stressoren, Widerstandsressourcen und das Kontinuum von Gesundheit und Krankheit. Antonovsky legt seinem Salutogenese-Modell die zentrale Annahme zugrunde, dass in jedem Menschen sowohl gesunde als auch kranke Anteile vorhanden sind. Er sieht Gesundheit und Krankheit als Pole eines Kontinuums.
Die Gesundheit eines Menschen hängt davon ab, welchen Stressoren er ausgesetzt ist und über welche Widerstandsressourcen er verfügt. Die Balance zwischen den belastenden und entlastenden bzw. schützenden Faktoren bestimmt dann das Gesundheitsniveau (siehe Abbildung).
Stressoren und der Umgang mit ihnen bestimmen in dem Modell der Salutogenese, in welche Richtung man sich auf dem Kontinuum von Gesundheit und Krankheit bewegt. Stressoren müssen aus salutogenetischer Sicht nicht per se gesundheitsschädlich sein, entscheidend ist die Auseinandersetzung mit ihnen. So kann der erfolgreiche Umgang mit Stressoren auch gesundheitsfördernde Wirkungen haben. Demnach hängt es von der Art des Stressors und der Art der Bewältigung des Stressors ab, ob dieser positive oder negative gesundheitliche Konsequenzen hat. Die Faktoren, die entscheiden, ob eine Bewegung hin zum positiven (Gesundheits-)Pol oder eher in Richtung des negativen (Krankheits-)Pols führt, nennt Antonovsky "generalisierte Widerstandsressourcen". Dazu zählen alle Faktoren, die den konstruktiven Umgang mit Stressoren ermöglichen. Diese Faktoren sind sowohl im Individuum selbst als auch in dessen Umfeld bzw. der Gesellschaft zu finden.
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| Wirkung von Stressoren: Sie erzeugen einen Spannungszustand, der Bewältigt oder nicht bewältigt wird und somit eher in Richtung Gesundheit (Salutogenese) oder Krankheit (Pathogenese) mündet (Gesundheits-Krankheits-Kontinuum). |
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Gesundheits-Krankheits-Kontinuum
Antonovsky hat dies sehr bildhaft beschrieben, in dem folgenden Zitat hat er seine Grundannahmen in einer Metapher verdeutlicht: "...meine fundamentale philosophische Annahme ist, dass der Fluss der Strom des Lebens ist. Niemand geht sicher am Ufer entlang. Darüber hinaus ist für mich klar, dass ein Großteil des Flusses sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn verschmutzt ist. Es gibt Gabelungen im Fluss, die zu leichten Strömungen oder in gefährliche Stromschwellen und Strudel führen. Meine Arbeit ist der Auseinandersetzung mit folgender Frage gewidmet: ´Wie wird man, wo immer man sich in dem Fluss befindet, dessen Natur von historischen, soziokulturellen und physikalischen Umweltbedingungen bestimmt wird, ein guter Schwimmer?" (Antonovsky, Übersetzung durch Franke 1997, S. 92) |
In der salutogenetischen Perspektive richtet sich der Blick auf die Art und Weise, wie eine Person Stressoren positiv verarbeitet. Widerstandsressourcen, die eine positive Verarbeitung von Stressoren erlauben, sind z. B.:
- Ausreichende Abwehrkräfte (Immunsystem
) des Körpers gegen Krankheitserreger und andere Stressoren, - die Fähigkeit, aktiv Stressoren zu meiden (ihnen aus dem Weg zu gehen durch entsprechendes Gesundheits- und Vorsorgeverhalten/Prävention)
- Intelligenz und geistige Flexibilität, um sich an Lebensbedingungen anpassen zu können oder sie aktiv zu verändern,
- materielle Ressourcen zur Sicherung von Schutz, Ernährung, Wohnung etc.
- Soziale Unterstützung in sozialen Netzwerken (z.B. Freunde, Familie, Arbeitskollegen).
Kohärenzgefühl. Zentral für die Verfügbarkeit und Nutzung von Widerstandsressourcen ist das sogenannte Kohärenzgefühl. Damit ist die Grundhaltung einer Person gemeint, die ihr hilft, Stressoren positiv zu verarbeiten. Das Kohärenzgefühl besteht aus drei Komponenten: der Verstehbarkeit, der Handhabbarkeit und der Sinnhaftigkeit bzw. Bedeutsamkeit (siehe untenstehende Abbildung).
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Nach Antonovsky reagiert ein Mensch mit stark ausgeprägtem Kohärenzgefühl auf Anforderungen (Stressoren), indem er sie als Herausforderung sieht und seine Widerstandsressourcen aktiviert. Ein gering ausgeprägtes Kohärenzgefühl führt hingegen eher dazu, dass die Anforderung schnell als Überlastung empfunden wird.
Der Kohärenzsinn ist also ein positives, aktives Selbstbild der Handlungs- und Bewältigungsfähigkeit, das einhergeht mit der Gewissheit, sich selbst und die eigenen Lebensbedingungen steuern und gestalten zu können.
Je stärker der Kohärenzsinn ausgeprägt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, Stressoren erfolgreich und mit positiven Auswirkungen auf die Gesundheit zu bewältigen. In diesem Sinne ist es eine Aufgabe der Gesundheitsförderung an Schulen, den Jugendlichen zu einem positiven Kohärenzsinn zu verhelfen.



