Episode 4
Alles nur geklaut?
Langsam neigt sich das Feriencamp seinem Ende zu. Traditionell findet jeweils in der letzten Woche ein Wettbewerb zu unterschiedlichen Themen statt. Das Motto dieses Jahres ist schwierig und aufregend zugleich: "Liebe kann doch nicht krank machen .... oder?" Das Motto sorgt für Verwirrung und die Betreuer des Camps helfen, indem sie von den Wettbewerben der letzten Jahre berichten. "Spiel nicht mit deinem Leben", so lautete das Motto im letzten Jahr, das ähnlich schwierig und spannend war.
Doch worum geht es bei diesem Wettbewerb? Die Jugendlichen im Camp sollen sich zum jeweiligen Motto kreative, witzige oder nachdenklich machende Plakate oder (Werbe)Spots überlegen und diese umsetzen. Es stehen verschiedene Geräte und Materialien als Hilfe zur Verfügung. Vier bis sechs Jugendliche zusammen sollen die Aufgabe in der Gruppe bearbeiten – und haben eine Woche Zeit dazu. Am Ende werden drei Sieger gekürt – und auch alle anderen gehen beim Abschlussfest nicht leer aus.
Thelma, Natalya, Paolo und Max zerbrechen sich seit Tagen den Kopf über das diesjährige Motto. Es geht offenbar um sexuell übertragbare Erkrankungen – darauf einigen sie sich rasch. Natalya hat ihr „Aknetief“, wie es Thelma inzwischen nennt, längst vergessen und steuert die erste Idee bei – einen Songtext, der Max erröten lässt:
"Wenn dich die bösen Mädchen locken, denke an die Gonokokken!"
"Nicht?", Natalya schaut in die Runde.
"Ich hab’s: HIV und Syphilis, davor hat doch jeder Schiss".
Verschmitzt blinzelt Natalya durch ihre Haare. "Jetzt aber: „Besser mal an Schutz gedacht als nebenbei ein Kind gemacht."
Thelma kann sich kaum halten vor Lachen. Max Röte wird von Spruch zu Spruch tiefer. Paolo ist zunächst verunsichert, wären solche Sprüche doch eher ihm zugestanden. Aber nach wenigen Minuten sind alle am Lachen und haben sichtlich Spaß am Reimen. Dass sie mit einem Song dieser Strickart nicht punkten werden, ist allen klar. Max fällt nichts Besseres ein, als ein "modernes Märchen" zu schreiben und Thelma gibt zu, dass sie für solche Sachen einfach keine Ader hätte. Paolo hüllt sich in Schweigen.
Umso überraschter sind Max, Thelma und Natalya als Paolo am nächsten Tag mit einem verschmitzten Grinsen als letzer zum Treffpunkt auf die Veranda der alten Villa kommt und verkündet: "Ich hab was, was euch interessieren könnte!"
"Was denn?", Thelma kann sich kaum halten vor Neugier.
"Na, los, spann uns doch nicht auf die Folter!", stimmt Max ein.
Geheimnisvoll zieht Paolo eine CD unter seiner Jacke hervor: "Hier ist unsere Inspiration – die unserem Max so oft fehlt!"
"Was ist das? Gib her", Thelma will ihm die CD aus den Händen reißen, aber Paolo hat sie fest im Griff: "Ich habe Eva aus eurem Nachbarzelt ein bisschen bekniet und sie hat mir den Sieger vom letzten Jahr gezeigt, als ihre ältere Schwester im Camp war ... Und weil ich so sympathisch bin, hat sie mir die CD bis morgen geliehen!" Paolo strahlt siegessicher in die Runde.
"Und jetzt durchbohren wir die Scheibe mit unserem Röntgenblick, um zu sehen was drauf ist, oder?", fragt Thelma spöttisch, doch im gleichen Moment holt Paolo ein Notebook aus der Tasche.
"Auch geliehen?", fragt Natalya grinsend.
"Na klar!" Paolo legt die CD ein und startet den Film (Film anschauen).
Es bleibt ungewöhnlich still, nachdem Max, Paolo, Thelma und Natalya den kurzen Film gesehen haben. Sie sind beeindruckt.
"Spiel nicht mit deinem Leben", murmelt Max vor sich hin.
"Den Film könnten wir dieses Jahr glatt auch für den Wettbewerb einreichen", meint Paolo.
"Ja, tolle Idee – zweimal dasselbe", Natalya sieht ihn mitleidig an.
"Und was sagt uns der Spot?", fragt Max, den der Film nicht so schnell loslässt.
Diese Frage löst eine angeregte Diskussion aus, in der eine ganze Menge Halbwissen zum Vorschein kommt:
"Wusstet ihr, dass AIDS schon beim Küssen übertragen wird?", fragt Paolo in die Runde.
"Ach, das ist doch Quatsch", entgegnet Natalya:
"AIDS kann nur bei ungeschütztem Sex übertragen werden."
Thelma fügt hinzu: "Die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung ist jedoch sehr gering."
Max meint: "Aber auch wenn du dich ansteckst ... US-Forscher haben letztes Jahr eine Medizin gegen AIDS entwickelt. HIV ist heilbar."
Natalya wendet ein: "Davon haben wir in Rumänien aber noch nichts gehört, und dort leben viele Menschen mit dem HIV-Virus
."
"Früher, in der Generation unserer Eltern, gab es das noch nicht", weiß Paolo: "Mein Vater hat mir erzählt, dass sie Kondome so gut wie nicht kannten. Und der muss es wissen. Der war der größte Gigolo Kalabriens!"
Max ist wenig verwundert: "Jaja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!"
Natalya kann sich ein leises Lachen nicht verkneifen. Thelma sieht Paolo nur mit großen Augen an. "Aber woher kommt dann diese Krankheit?", fragt Max in die Runde und erntet nur ratlose Blicke.
"Also viel wissen wir ja nicht gerade ...", fasst Thelma die Diskussion zusammen.
Paolo hat genug: "Hört mal, wir können nicht wieder was zu AIDS machen – erstens wissen wir offenbar nicht viel darüber und zweitens war es letztes Jahr schon Sieger. Wir müssen mal an andere Krankheiten denken, die man sich holen kann. … oder wir machen ganz etwas anderes!" "Was ganz anderes?"
Die anderen Drei verstehen nicht, was Paolo sagen will. Er erklärt: "Ja, schaut doch mal, wenn sie jedes Jahr diesen Wettbewerb machen, dann kommen sicherlich immer wieder gute Ideen: zu Aids, zu Syphilis oder zu anderen Krankheiten, von denen wir alle nicht genau wissen, wie sie entstehen und was man dagegen tun kann – obwohl wir das wohl sollten. Aber mir geht auf den Geist, dass wir diese Dinge immer nur dann besprechen, wenn uns jemand mit der Nase darauf stößt, also z.B. hier die Leute im Zeltlager oder bei uns in der Schule oder auch die Medien, das Fernsehen und die Zeitungen, versteht ihr?"
"Nein, an sich verstehe ich nur Bahnhof. Ich weiß nicht was du genau meinst?!" entgegnet Max und Thelma und Natalya nicken.
Paolo bemüht sich: "Schaut, ich möchte nicht einen Film machen wie z.B. der aus dem letzten Jahr, der ist viel zu professionell. Da haben wir doch keine Chance, zumal wir mal wieder viel zu spät dran sind. Wenn wir schon keinen Film zum Thema machen, dann doch irgendwas dazu, dass wir immer nur über etwas nachdenken, wenn es uns vor allem die Medien eintrichtern wollen. Verstehst du jetzt?!"
Paolo schaut fragend in die kleine Runde und fährt fort: "Die Botschaft, auf die ich hinaus will, lautet: Schauen wir selber hin!"
Max, Thelma und Natalya stehen mit halb geöffnetem Mund vor Paolo. Seine Worte waren zwar nicht schwer, aber das was er sagt, wirft irgendwie alles über den Haufen. Thelma ist beeindruckt: So hat sie Paolo in den ganzen Wochen nicht erlebt – so engagiert.
Freudig stimmt sie Paolo zu: "Ja: Schauen wir selber hin! Der Spruch gefällt mir! Wenn schon nicht den Wettbewerb gewinnen, dann doch mit der besten Außenseiter-Idee in die Geschichte eingehen, was?"
Max und Thelma nicken und steuern sogleich die ersten Ideen bei. Das Eis ist gebrochen und sie machen sich an die Arbeit.
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