Episode 1
Jedem seine Gruselgeschichte
Max hat den ganzen Tag an einer Horrorgeschichte gefeilt und will sie heute Abend den anderen vorlesen – natürlich in der alten, verlassenen Villa. Es dämmert schon, als sie sich treffen. Max lässt sich in einen verstaubten Ohrensessel fallen; Thelma und Paolo zünden ein paar Kerzen an, die sie sich mitgebracht haben. Der Wind pfeift durch die Ritzen des alten Gemäuers. Schatten wandern durch den schummrig beleuchteten Raum.
Plötzlich ein Donnerschlag! Natalya fährt erschrocken zusammen: "Na das fängt ja gut an! Ich werde heute Nacht bestimmt nicht schlafen können!". Natalya hat nicht viel für Horrorgeschichten übrig und sie macht keinen Hehl daraus.
"Aber, aber, ich bin ja auch noch da!", Paolo kann es einfach nicht lassen, seine Überlegenheit zu demonstrieren.
"Du verstehst das nicht", fährt ihn Natalya an. Paolo verdreht die Augen.
Natalya verzieht sich in eine dunkle Ecke des Raums – weit genug von den anderen entfernt: "Dann fang schon an!", ruft sie Max zu und blitzt Paolo mürrisch an.
Der grinst zurück: "Oh, pass' in dieser dunklen Ecke bloß auf, dass nicht plötzlich eine Hand durch die Wand..."
"PA-O-LO!" Thelma ist ganz blass und scheint nun mehr Angst zu haben als Natalya. Paolo bringt nur ein leises "Tschuldige" über seine Lippen. Mit Thelma zusammen macht er es sich auf einem flauschigen Teppich bequem.
Natalya nuschelt irgendwas von "ich bleibe hier hinten, da fühl ich mich wohler" und Max beginnt zu erzählen.
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Natalya ist manchmal etwas schreckhaft und in manchen Situationen nicht die Mutigste. Und Gruselgeschichten – also die hat sie schon als Kind nicht gern gemocht. Aber das an sich ist nicht der eigentliche Grund, warum sie sich heute in die Ecke verzieht; der wahre Grund ist ein ganz anderer: Ein düsterer Abend mit Gruselgeschichten ist endlich die Gelegenheit, ihr "Werk" zu vollenden, wofür sie im lauten und lebhaften Camp einfach keine Ruhe und genug Zurückgezogenheit findet. Sie zieht ihre Beine so eng wie möglich an ihren Körper und stülpt sich die Jacke fast über den Kopf: Sollen die anderen doch denken, sie gruselt sich. In Wahrheit möchte sie nicht, dass Thelma, Paolo und Max sehen, was sie da macht. |
Leise öffnet sie ihre Tasche und holt ein Marmeladenglas hervor. Der Inhalt sieht alles andere als appetitlich aus. Jetzt, wo sie die fast fertige Lösung für ihre Probleme vor Augen hat, nimmt sie nur noch bruchstückhaft das wahr, was Max gerade erzählt.
"...finstere Nacht und Nebel ... sie konnten nichts sehen"
Stattdessen fällt ihr Blick voller Hoffnung auf die giftgrüne Pampe in ihrem Glas.
"...sie hörten ständig etwas rascheln, da musste jemand sein. Waren sie doch nicht allein?"
Natalya hört Max kaum noch. Sie blickt zufrieden auf das letzte kleine Bündel Kraut im Schummerlicht, das sie auf dem Weg zur alten Villa noch gepflückt hat – und das ihre Mischung nun perfekt macht. Sie glaubt ganz fest daran, dass dies helfen würde. Es ist ihre letzte Möglichkeit, diese Dinger loszuwerden.
"Da ist doch jemand. Ich hör es doch!" Max Stimme ist für Natalya immer weiter weg.
Sie zerreibt die Kräuter zwischen ihren Fingern, denn so steht es in der Anleitung aus dem Internet. Das Zerreiben soll helfen, die Aromen und Vitamine freizusetzen. Sie lässt die letzten Kräuter in die grüne Pampe fallen und rührt nun alles mit einem Löffel um, den sie heute Mittag hat mitgehen lassen. Sie kann es kaum erwarten, das Zeug noch heute Nacht auszuprobieren. Nur immer schön weiterrühren, damit sich all die Inhalte gut vermischen können
"WAAAAAAAAAAH!"
Thelma schreit, gepackt von Max Geschichte, so laut auf, dass Natalya vor Schreck zusammenzuckt und das Glas durch ihre Hände rutscht. Im letzten Moment bekommt sie es wieder zu fassen. Sie schließt die Augen und schickt ein Stoßgebet zum Himmel: Das war knapp! Mit fest geschlossenen Augen kreisen ihre Gedanken um den Inhalt des Glases: Das wird mir ein schöneres Leben bescheren. Heute Nacht werde ich mein größtes Problem aus der Welt schaffen: Endlich ohne Angst und Scham überall hingehen, Jungs ansprechen, mich nicht mehr hässlich fühlen...
"Sag mal: Willst du uns etwa vergiften?"
Leise hat sich Paolo der in der Ecke kauernden Natalya genähert und betrachtet skeptisch und etwas angewidert den grünen Inhalt des Gefäßes in Natalyas Händen. Der Schreck war nun doch zu groß: Natalya schreit auf, zuckt zusammen und lässt nun endgültig das Glas fallen. Wie in Zeitlupe rollt es auf dem Boden entlang Richtung Thelma und hinterlässt eine grüne Schleimspur quer durch den Raum. "Nein, ... oh nein! Zwei Tage Arbeit ...". Natalya ist den Tränen nahe. Sie schaut Paolo mit ihren vor Zorn funkelnden Augen an. "Wenn Blicke töten könnten, wäre Paolo jetzt ein Teil meiner Horrorgeschichte", denkt Max, behält es aber lieber für sich.
"Natalya?", Thelma nimmt das inzwischen fast leere Glas in ihre Hände.
Sie tunkt einen Finger in die Pampe und betrachtet sie angeekelt. Thelma scheint genau zu wissen, wofür es gedacht war:
"Du wolltest dir DAS hier doch nicht etwa in dein Gesicht schmieren?"
Natalya schaut beschämt zu Boden. Sie will nicht darüber reden. Nicht jetzt, erst recht nicht in Anwesenheit der Jungs. Paolo und Max schauen sich verwirrt an.
Natalyas Gedanken überschlagen sich: Soll sie einfach schweigen? Soll sie was sagen? Wenn sie stumm bliebe, würde das die Situation wohl nicht besser machen. Die drei würden sie löchern, bis sie eine Erklärung für die seltsame grüne Masse haben. Leise und zögerlich ergreift Natalya das Wort:
"Ihr habt doch keine Ahnung, wie es ist, mit so vielen Pickeln im Gesicht rumzulaufen! Seit Jahren versuche ich einfach alles, um sie loszuwerden. Vorgestern habe ich ein Rezept gefunden, das von einer erfahrenen Heilmedizinerin empfohlen wird. Es soll die Pickel über Nacht abheilen lassen. Es ist schwierig herzustellen – mit Kräutern, und ich habe entdeckt, dass die meisten von ihnen hier um unser Camp herum in Hülle und Fülle wachsen. Ich dachte, das ist meine letzte Chance. Ich wollte es einfach versuchen. Aber ... jetzt war ja sowieso alles umsonst!"
"Also, ich dachte, Pickel muss man einfach nur richtig ausquetschen und sie heilen bis zum nächsten Tag ab."
Max kann Natalyas Aufregung nicht so recht nachvollziehen; er hat kaum Pickel und an sich sind ihm die von Natalya nie sonderlich aufgefallen. Paolo schaut Max mitleidig an und weiß es mal wieder besser:
„Ausdrücken? Blödsinn! Einfach Zahnpasta über Nacht drauf und weg ist es! Hat mir ein Kumpel verraten!"
Thelma steigt nun auch in die Diskussion ein: „Nicht doch, was für ein Unsinn. Da sollte man besser gar nichts machen. Oder vielleicht doch zum Arzt?“
Natalya hat genug davon. Nach den ersten Ratschlägen hört sie schon nicht mehr hin. Sie kennt sie alle, viele hat sie ausprobiert, aber nichts hat geholfen. Muss sie sich vielleicht damit abfinden, ewig Akne zu haben?
"AUFHÖREN!!!" Mit einem Schrei beendet Natalya die inzwischen anregte Pickel-Diskussion ihrer drei Freunde. Paolo, Max und Thelma verstummen und blicken in Natalyas sonst so lachenden Augen.
Auf dem Nachhauseweg zum Camp fasst Max die verstörte Natalya unter den Arm:
"Hör zu, hör gut zu", sagt er mit energischer Stimme: "Was hältst du davon, wenn wir beide eine Geschichte schreiben, eine gemeinsame Geschichte und zwar deine Horrorgeschichte?"
"Wie: meine Horrorgeschichte?", fragt Natalya mürrisch nach.
Max erklärt: "Mir wurde eben klar, dass meine erfundenen Geschichten nichts anderes sind als kindliche Vorstellungen. Aber du und deine Akne, das muss ja in der Tat der wahre Horror sein, oder besser, das was du daraus machst!"
Natalyas Verwirrung wird größer: "Wie soll ich das verstehen? Meinst du, ich bilde mir das alles ein? Du spinnst wohl!"
Max winkt ab: "Ja, in gewisser Weise schon. Mir selbst ist es noch nie richtig aufgefallen. Klar, ich sehe, du hast Akne, aber schlimm ist das nicht, ich sehe DICH. Anders als du selbst: Du siehst die Akne und baust dir deine eigene Folterkammer."
Auf den letzten Metern zum Zeltlager umgibt die beiden ein Schweigen. Ein angenehm-warmes Schweigen. Natalya fühlt sich zum ersten Mal verstanden, obwohl das kurze Gespräch mit Max ihre "schrecklichste" Seite offen gelegt hat.
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